Hans-Adam II. ist nicht nur der reichste, sondern der am meisten unterschätzte Fürst.
Statt immer nur Kritisches, soll auch mal Lobendes geschrieben werden. Wie Fürst Hans-Adam II. das lediglich 25 Kilometer lange und 12 Kilometer breite Ländle zu einer blühenden Mischung aus Feudalismus und Finanzkapitalismus gemacht hat: Chapeau.
Zu seinem Schaden war es nicht; das Privatvermögen der fürstlichen Familie wird auf über 12 Milliarden Dollar geschätzt. Dabei ist es sehr schwierig, den ungeheueren Wert der Kunstsammlung und der Ländereien einzupreisen.
Absolutistische Herrschaft und grosses Vermögen: dadurch ist Liechtenstein das unerreichte Vorbild aller Tech-Mogulen aus dem Silicon Valley. Also von Musk, Thiel, Karp und Co.
Im Verlauf seiner langen Regentschaft hat der Fürst zuerst sich selbst und seine Familie aus Österreich herausgelöst und ist – nach dem Anschluss 1938 ins Dritte Reich – nach Vaduz disloziert. Die dortige Trutzburg kann es zwar an Grandezza nicht im entferntesten mit dem fürstlichen Schloss in Wien aufnehmen: aber hier konnte er unumschränkt herrschen.
Allerdings anfänglich nicht ganz, denn seit 1924 gab es eine Zoll- und Währungsunion mit der Schweiz. Schon 1970, noch gar nicht an der Macht, hatte er gefordert, Liechtenstein müsse «aus dem Rucksack der Schweiz» aussteigen.
Gesagt, getan. UNO-Mitgliedschaft, Eintritt in den EWR (obwohl es dabei doch tatsächlich zum ersten und letzten Mal zu einer kleinen Demonstration gegen die Diktatur des Fürsten kam). Damit war es vollbracht. Zugang zum schweizerischen und zum EU-Markt, plus Profitieren vom stabilen Schweizerfranken.
Darauf basierend ein florierender Finanzplatz plus industrielle Wertschöpfung. Seit den 1980er Jahren baute der Fürscht umsichtig die Liechtenstein Global Trust, heute nur noch bekannt als Fürstenbank LGT, zu einer internationalen Grösse auf, verbunden mit einem Treuhand-System plus Steueroase, um möglichst viel Vermögen anzulocken.
Dabei war es ihm immer klar, dass Liechtenstein letztlich sein Privatbesitz ist, in dem er schalten und walten kann, wie es ihm beliebt. Um das zu zementieren, legte er 2002 seine Ansichten über eine umfassende Verfassungsreform vor. Sie sollte seine absolutistischen Rechte vervollständigen. Vetorecht bei allen Gesetzen, bei der Ernennung von Richtern und selbstverständlich das Recht, die Marionettenregierung zum Teufel zu jagen und das Parlament aufzulösen, sollte es jemand wagen, gegen seine Interessen zu handeln.
Dagegen gab es wieder etwas Gegenwind. Der Fürst drohte unverhohlen, dass er im Fall einer Ablehnung der Verfassungsreform, zurück ins absolutistische Mittelalter, ohne weiteres mit der Familie wieder nach Wien umziehen könne. Das erschreckte seine Untertanen dermassen, dass sie seinem Vorschlag mit 64 gegen 36 Prozent zustimmten.
In der jüngeren Geschichte von demokratischen Abstimmungen das einzige Mal, dass eine Bevölkerung einem Herrscher noch mehr absolutistische Rechte einräumte.
Damit hatte Hans-Adam II. sein Haus bestellt. Sein ältester Sohn Alois übernahm die Staatsgeschäfte und gibt jeweils mit seiner Thronrede zur Parlamentseröffnung den Tarif durch. Sein Sohn Max übernahm die Leitung der LGT, und Constantin schliesslich die Verwaltung des übrigen Vermögens. Dieser starb allerdings 2023 unter ungeklärten Umständen.
Damit hatte er ein Meisterwerk vollbracht. Im Prinzip ist Liechtenstein eine Demokratie von des Fürsten, bzw. des Erbprinzen Gnaden. Die demokratische Maskerade dient lediglich dazu, die fürstliche Familie ihr Privateigentum, und dazu gehört nunmal Liechtenstein, ungestört verwalten zu können.
Die Fassade sitzt fast perfekt. Ein gütiger Landesvater, begeisterte Untertanen, Folklore, huldvolle Empfänge und Ordensverleihungen, absurde Titel wie fürstlicher Geheimrat, ein Operettenparlament, eine Marionettenregierung und ein Justizsystem, das weiss, wo Gott hockt.
In Wirklichkeit ist der Fürst, bzw. sein Stellvertreter auf Erden Alois, der CEO des Unternehmens Liechtenstein. Wie jeder CEO in erster Linie an Selbstbereicherung interessiert, im Unterschied zu allen anderen aber unkündbar.
So könnten sie glücklich leben, wenn sie nicht gestorben sind, gäbe es da nicht zunehmend hässliche Risse in der auf Hochglanz polierten Fassade. Denn nicht nur die Fürstenfamilie ist geldgierig. die von ihnen herangezogenen Treuhänder, Anwälte, Vermögensverwalter und Banker sind es auch.
Und bislang hat Erbprinz Alois nicht mal im Ansatz gezeigt, dass er über das gleiche Geschick wie sein Vater verfügt. Ob der das Erreichte in der nächsten Generation wieder zugrunde richtet?


