Das Fürstentum geht raffinierter als die Schweiz mit Russengeldern um.
Die offizielle Erzählung ist in beiden Ländern ähnlich: Man halte sich strikt an Sanktionen, kämpfe gegen Geldwäscherei und habe die Zeiten des diskreten Wegschauens längst hinter sich gelassen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt zwei sehr unterschiedliche Modelle im Umgang mit russischem Vermögen – und zwei sehr unterschiedliche Grade an politischem Willen.
Die Schweiz inszeniert sich seit Beginn des Ukraine-Kriegs als resolute Vollstreckerin westlicher Sanktionen. Milliarden wurden eingefroren, Oligarchen-Villen in Zürich, Genf oder im Engadin geraten ins Visier, und die Behörden verweisen regelmässig auf die enge Abstimmung mit der Europäische Union. Doch hinter dieser Fassade zeigt sich ein anderes Bild: Die Schweiz bleibt ein Land der juristischen Spitzfindigkeiten. Vermögen wird nicht beschlagnahmt, sondern eingefroren – ein entscheidender Unterschied. Denn eingefroren heisst: Eigentum bleibt Eigentum. Mit genügend Zeit, Geld und Anwälten lässt sich fast jede Sanktion zumindest verzögern. Der Rechtsstaat funktioniert – und genau darin liegt seine Schwäche.
Ganz anders – oder präziser: raffinierter – operiert Liechtenstein. Der Kleinstaat hat sich den Sanktionen ebenfalls angeschlossen und koordiniert sich mit internationalen Gremien wie der FATF. Doch Liechtenstein ist kein Ort, an dem Geld einfach liegt. Es ist ein Ort, an dem Geld verschwindet – in Konstruktionen, die so komplex sind, dass selbst Behörden Mühe haben, sie zu durchschauen.
Und hier betreten wir die eigentliche Grauzone: die sogenannten „Zombie-Trusts“. Das sind Strukturen, die formal noch existieren, faktisch aber herrenlos wirken. Der ursprüngliche wirtschaftlich Berechtigte ist verschwunden, sanktioniert oder nicht mehr greifbar. Begünstigte sind unklar, Dokumentationen lückenhaft, Verantwortlichkeiten diffus. Was bleibt, ist ein juristischer Körper ohne klar identifizierbaren Kopf – ein Zombie eben.
Diese Konstrukte sind kein Betriebsunfall, sondern ein systemisches Nebenprodukt. Sie entstehen dort, wo maximale Diskretion auf minimale Transparenz trifft. Und sie sind ein ideales Vehikel für genau jene Vermögen, die politisch unerwünscht geworden sind. Während die Schweiz russische Gelder einfriert, sorgt Liechtenstein dafür, dass manche dieser Gelder gar nicht mehr eindeutig „russisch“ sind. Sie gehören plötzlich einer Stiftung, einem Trust, einer Struktur – und niemandem zugleich.
Das Resultat ist ein perfider Unterschied: In der Schweiz weiss man zumindest, welches Vermögen blockiert ist. In Liechtenstein weiss man oft nicht einmal mehr, wem es gehört. Für Sanktionen ist das fatal. Denn was nicht eindeutig zugeordnet werden kann, kann auch nicht wirksam sanktioniert werden.
Besonders heikel wird es, wenn solche Zombie-Trusts weiter verwaltet werden. Treuhänder kassieren Gebühren, Anwälte sichern die Konstrukte ab, und der Staat? Der verweist auf die Komplexität der Fälle. Es ist ein System, das sich selbst stabilisiert – selbst dann, wenn der ursprüngliche Zweck längst obsolet geworden ist.
Am Ende zeigt sich ein ernüchterndes Bild: Die Schweiz bietet Rechtsstaatlichkeit, die Zeit schafft. Liechtenstein bietet Strukturen, die Realität auflösen. Beide Modelle schützen Vermögen – aber Liechtenstein hebt das Spiel auf eine neue Ebene. Dort geht es nicht mehr darum, Geld zu verstecken. Sondern darum, es ungreifbar, unangreifbar zu machen.











