Der Finanzplatz hat nur Probleme, keine Lösungen.
Liechtenstein gilt seit Jahrzehnten als diskreter, hochspezialisierter Finanzplatz mit globaler Ausstrahlung. Stiftungen, Trusts und massgeschneiderte Vermögensstrukturen haben dem Fürstentum einen Ruf als Aufbewahrungsstätte für Gelder jeglicher Herkunft verschafft.
Doch hinter dieser Erfolgsgeschichte mehren sich Risiken, die sowohl aus dem Inland stammen wie auch aus einem zunehmend komplexen internationalen Umfeld.
Am deutlichsten zeigt sich dies im Umgang mit geopolitischen Spannungen. Die Sanktionen im Zuge des Ukraine-Kriegs haben den Finanzplatz direkt getroffen. Treuhänder sahen sich gezwungen, Mandate niederzulegen, aus Angst, selbst in internationale Sanktionsregime hineingezogen zu werden. Hunderte von Strukturen stehen ohne Betreuung da. Diese Entwicklung offenbart eine zentrale Schwäche: Liechtenstein ist stark von globalen Vermögensströmen abhängig und damit exponiert gegenüber politischen Entscheidungen großer Wirtschaftsmächte, insbesondere der USA. Nicht nur tatsächliche Regelverstöße, sondern bereits das Risiko, ins Visier zu geraten, kann wirtschaftliche Aktivität lähmen.
Hinzu kommt ein strukturelles Reputationsrisiko. Die Branche ist klein – rund 130 lizenzierte Treuhänder tragen einen wesentlichen Teil des Finanzplatzes. In einem solchen Umfeld haben Einzelfälle ein überproportionales Gewicht. Spektakuläre Betrugs- oder Veruntreuungsfälle kommen immer wieder vor und prägen die öffentliche Wahrnehmung nachhaltig.
Da das Geschäftsmodell im Kern auf Vertrauen basiert, kann ein einzelner Skandal den Ruf eines ganzen Standorts beschädigen. Von einer Kette von Skandalen ganz zu schweigen.
Gleichzeitig steigt der regulatorische Druck kontinuierlich. Liechtenstein hat sich als angeblich sauberer und regelkonformer Finanzplatz positioniert. Doch diese Strategie hat ihren Preis. Die Anforderungen an Compliance, Dokumentation und Sorgfaltspflichten wachsen stetig.
Viele Marktteilnehmer reagieren mit einem vorsorglichen Rückzug aus potenziell riskanten Mandaten – selbst dann, wenn diese rechtlich zulässig wären. Diese sogenannte Overcompliance führt dazu, dass Geschäftsmöglichkeiten verloren gehen und das Geschäftsmodell defensiver wird. So stehen bis zu 800 Zombie-Trusts einsam und verloren herum, während sich die Besitzer ärgern.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor liegt im Kern des Erfolgsmodells selbst. Stiftungen und ähnliche Strukturen stehen international zunehmend unter politischem und regulatorischem Druck. Transparenzregister, strengere Offenlegungspflichten und eine kritischere Haltung gegenüber grenzüberschreitenden Vermögensstrukturen verändern die Rahmenbedingungen grundlegend. Liechtenstein hat sich zwar angepasst, bleibt jedoch stark von genau diesen Konstruktionen abhängig.
Auch personell ist der Finanzplatz verletzlicher, als es die verwalteten Vermögen vermuten lassen. Know-how konzentriert sich auf wenige Spezialisten, während die Anforderungen gleichzeitig steigen. Ein einzelner Treuhänder betreut oft eine Vielzahl komplexer Mandate. Fällt eine Schlüsselperson aus, kann dies unmittelbare Auswirkungen auf zahlreiche Strukturen haben. Der Fachkräftemangel verschärft diese Problematik zusätzlich.
Schliesslich steht Liechtenstein im Wettbewerb mit grösseren und breiter aufgestellten Finanzplätzen wie der Schweiz oder Luxemburg sowie mit aufstrebenden Zentren in Asien und dem Nahen Osten. Dem Fürstentum fehlt die Diversifikation, um externe Schocks abzufedern.
Geopolitik, internationale Regulierung und globale Wahrnehmung bestimmen zunehmend die Spielregeln. Der Finanzplatz ist damit sowohl durch eigene Schwächen gefährdet wie auch durch seine tiefe Einbindung in ein sich wandelndes internationales System.







