Wie Liechtensteins Treuhänder Milliarden verwalten – und ständig am Abgrund balancieren.
Liechtenstein zählt knapp 41’000 Einwohner. Gleichzeitig lagern oder werden im Fürstentum Vermögen verwaltet, deren Grössenordnung sich auf mehrere hundert Milliarden Franken beläuft. Je nach Berechnung – Banken, Fonds, Treuhandstrukturen und weitere Vermögenswerte zusammengenommen – bewegt sich die Summe deutlich über einer halben Billion Franken. Damit verwaltet das Land ein Vielfaches seines eigenen Bruttoinlandprodukts.
Das Geschäftsmodell ist seit Jahrzehnten dasselbe: Vermögen schützen, verschieben, strukturieren, vererben. Die juristischen Werkzeuge heissen Stiftung, Trust oder Anstalt. Nach aussen klingt das nach seriöser Vermögensplanung. Tatsächlich handelt es sich um Konstruktionen, die höchste Diskretion und komplexe Eigentumsverhältnisse ermöglichen. Genau deshalb sind sie bei ehrlichen Unternehmerfamilien ebenso beliebt wie bei Personen, die ihre Vermögensverhältnisse möglichst undurchsichtig gestalten möchten.
Wie gross der Anteil von Geldern aus kriminellen Quellen ist, weiss niemand. Niemand kann es wissen. Das ist gerade der Zweck vieler dieser Konstruktionen. Die Behörden betonen zwar regelmässig, dass die Geldwäschereivorschriften streng seien und internationale Standards eingehalten würden. Dennoch taucht Liechtenstein seit Jahrzehnten immer wieder in internationalen Steuer-, Korruptions-, Betrugs- und Sanktionsaffären auf. Das bedeutet keineswegs, dass sämtliche verwalteten Vermögen dubios wären. Aber es zeigt, dass ein erheblicher Teil des Geschäftsmodells von maximaler Verschwiegenheit lebt – und genau diese Verschwiegenheit zieht zwangsläufig auch problematische Kunden an.
Im Zentrum dieses Systems stehen die Treuhänder. Rund 130 zugelassene Treuhänder verfügen über die Lizenz, Stiftungen, Trusts, Anstalten und Gesellschaften zu errichten und zu verwalten. Rechnet man die zehntausenden aktiven Rechtsträger auf diese Zahl herunter, betreut jeder einzelne im Durchschnitt mehrere hundert Strukturen. Das entspricht Vermögenswerten in Milliardenhöhe pro Berufsträger.
Entsprechend attraktiv sind die Erträge. Die Gründung einer Stiftung kostet rasch mehrere tausend Franken. Hinzu kommen jährliche Verwaltungs-, Domizil-, Buchhaltungs- und Beratungsgebühren. Je nach Komplexität liegen diese oft zwischen einigen tausend und mehreren zehntausend Franken pro Jahr. Bei grossen internationalen Vermögen sind auch sechsstellige Honorare keineswegs aussergewöhnlich. Selbst konservativ gerechnet dürfte ein durchschnittlicher Treuhänder jährlich Gebühreneinnahmen im Millionenbereich generieren.
Natürlich ist das ungleich verteilt. Es gibt die kleinen Fische wie ein Philipp Wanger, der durch das Kapern einer einzigen Stiftung sich seit Jahren ein vorher nie erzieltes Monatseinkommen von über 75’000 Franken zugeschanzt hat. Und es gibt die grossen Haifische wie das Allgemeine Treuhandunternehmen, die Confida AG, die Trevisa Treuhand-Anstalt, dann Marxer & Partner, First Advisory Group und so weiter.
Wo enorme Vermögen verwaltet werden, entstehen zwangsläufig enorme Risiken. Ein Treuhänder bewegt sich permanent auf einer juristischen Gratwanderung. Er muss wirtschaftlich Berechtigte identifizieren, Geldwäschereivorschriften einhalten, Sanktionen beachten und gleichzeitig die Interessen seiner Klienten vertreten. Gerät ein Mandant wegen Betrugs, Korruption, Steuerdelikten oder Insolvenz ins Visier der Behörden, landet häufig auch der Treuhänder im Scheinwerferlicht. Nicht jeder wird strafrechtlich belangt – doch der Reputationsschaden kann existenzbedrohend sein.
Das spektakulärste aktuelle Beispiel liefert René Benko. Nach dem Zusammenbruch seines Signa-Imperiums tobt inzwischen ein internationaler Kampf um Stiftungen und Vermögenswerte. Ermittler, Insolvenzverwalter und Gläubiger versuchen zu klären, wer tatsächlich über welche Vermögen verfügte und ob Stiftungsstrukturen dazu dienten, Werte dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen. Auch Liechtenstein spielt in diesem Geflecht erneut eine prominente Rolle. Der Fall zeigt exemplarisch, weshalb Stiftungen zwar hervorragende Instrumente legaler Vermögensplanung sein können – im Ernstfall aber ebenso zum Schauplatz milliardenschwerer juristischer Schlachten werden.
Liechtenstein präsentiert sich gerne als blitzblanker Finanzplatz mit höchsten Compliance-Standards. Wer vom Geschäft mit maximaler Diskretion lebt, darf sich nicht wundern, wenn früher oder später auch jene anklopfen, die vor allem eines suchen – einen möglichst dichten Nebel um ihr Vermögen.
Und andere anklopfen, die auf der Suche nach Raubgut, gestohlenen oder hinterzogenen Vermögenswerten sind. Im absolutistisch regierten Unrechtsstaat Liechtenstein kein leichtes Unterfangen.

