Kein Problem findet eine Lösung im Trümmerhaufen Finanzplatz.
Jahrzehntelang wussten Liechtensteins Treuhänder ganz genau, wie man Vermögen in Stiftungen, Trusts und Anstalten versorgt. Nun wissen sie plötzlich nicht mehr weiter. Und die Aufsichtsbehörde FMA schaut beim organisierten Davonlaufen zu.
Man stelle sich vor, eine Bank würde bei Schwierigkeiten erklären: Leider ist der Verwaltungsrat verschwunden, einen neuen finden wir nicht, deshalb lassen wir den Laden einfach stehen.
In Liechtenstein nennt man das offenbar Finanzplatz.
Seit den Russland-Sanktionen geistern rund 800 Zombie-Strukturen durchs Fürstentum. Stiftungen, Trusts und andere Rechtsträger haben Vermögen und wirtschaftlich Berechtigte – aber kein handlungsfähiges Organ mehr.
Denn als es ungemütlich wurde, entdeckten Liechtensteins Treuhänder eine Kernkompetenz, mit der vorher niemand gerechnet hatte: den Rücktritt.
Jahrzehntelang funktionierte das Geschäftsmodell hervorragend. Geld kam nach Liechtenstein, der Treuhänder stellte Verwaltungs- und Stiftungsräte, kassierte Honorare und verlieh dem Gebilde jene lokale Seriosität, die das Gesetz verlangte.
Dann kamen Sanktionen gegen Russland.
Plötzlich wurde aus lukrativer Vermögensverwaltung ein Haftungs- und Reputationsrisiko. Also verliessen Treuhänder ihre Posten. Zurück blieb der Müll.
2025 war von bis zu 800 potenziell betroffenen Strukturen die Rede. Die Regierung identifizierte später 218 Rechtsträger mit Russlandbezug, darunter 71 «verwaiste».
Man könnte meinen, nun würde die Finanzmarktaufsicht FMA auf den Tisch hauen. Schliesslich beaufsichtigt sie einen Finanzplatz, dessen Geschäftsmodell wesentlich auf professionellen Intermediären beruht.
Stattdessen entwickelte sich ein absurdes Schauspiel.
Noch im Februar 2026 steckten laut Regierung rund 150 Rechtsträger fest, weil kein Liquidator bestellt werden konnte.
Das Fürstentum verfügt über Banken, Vermögensverwalter, Anwälte, Treuhänder, eine Treuhandkammer, eine FMA, Gerichte, ein Amt für Justiz und eine Regierung. Was es offenbar nicht besitzt, sind 150 Personen, die bereit sind, den Scherbenhaufen aufzuräumen.
Also tat Liechtenstein das, was Bürokratien tun, wenn sie ein Problem nicht lösen können: Es regelte das Nichtlösen.
Die Handelsregisterverordnung wurde angepasst. Kann kein Liquidator eingesetzt werden, darf das Verfahren unterbrochen bleiben.
Voilà.
Aus Staatsversagen wird ein Verwaltungszustand.
Besonders grotesk: Bei sanktionierten Strukturen kann dieser Zustand nach Darstellung der Regierung grundsätzlich so lange andauern, bis die Sanktionen aufgehoben werden.
Das können Jahre sein.
Die Zombies bekommen also nicht den Gnadenschuss. Sie erhalten eine Aufenthaltsbewilligung.
Und die FMA? Die soll nun zusätzliche Kompetenzen erhalten. Das ist die klassische Pointe staatlicher Aufsicht: Nachdem das Kind im Brunnen liegt, wird die Brunnenaufsichtsverordnung verschärft.
Der Internationale Währungsfonds befand immerhin, die Reputationsrisiken erschienen «eingedämmt».
Dann kam der Juli 2026.
Ausgerechnet aus dem staatlichen Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen wurden Daten zu rund 31’000 Rechtsträgern kopiert. Geklaut. Kinderleicht abgeräumt.
Auch da weiss man bis heute nichts Genaues. Wer war’s, wer hat diese tölpelhafte IT-Plattformen gebaut und bewacht? Was sagen die Betroffenen? Tiefes Schweigen.
Das vollendet das Bild.
Die Treuhänder laufen davon. Die Aufsicht verhindert es nicht. Der Staat kann die zurückgelassenen Strukturen nicht liquidieren. Also legalisiert er den Stillstand. Und während er versucht herauszufinden, wem was gehört, lässt er sich die Datenbank mit den wirtschaftlich Berechtigten ausräumen.
Ein Finanzplatz, der vom Vertrauen lebt, demonstriert damit eine erstaunliche Kernkompetenz:
Vermögen hereinholen kann Liechtenstein hervorragend.
Nur beim Aufräumen wird es schwierig.










