Das Fürstentum Liechtenstein lebt vom Ruf der Stabilität, Diskretion und Vermögensverwaltung.
Doch genau diese Kombination macht den Kleinstaat seit Jahrzehnten attraktiv für Gelder aus autoritären Regimen, korrupten Staatsapparaten und sanktionsnahen Netzwerken. Besonders auffällig: die wiederkehrenden Spuren venezolanischer und iranischer Gelder.
Bewiesen ist nicht alles. Aber die Indizienlage ist dicht genug, um unangenehme Fragen zu stellen.
Im Fall Venezuelas führt die Spur regelmässig zur Staatsölgesellschaft PDVSA – einem der grössten Korruptionskomplexe Lateinamerikas. Milliarden verschwanden über Jahre aus dem ölreichen Land, während die Bevölkerung verarmte. Internationale Ermittlungen sprechen von gigantischen Bestechungs- und Geldwäschereinetzwerken mit Konten, Offshore-Strukturen und Briefkastenfirmen in diversen Finanzplätzen.
Liechtenstein taucht dabei immer wieder am Rand auf – nie als grosses Epizentrum wie Andorra oder gewisse Schweizer Banken, aber regelmässig als diskreter Teil internationaler Vermögensstrukturen. Bereits 2019 gab es Berichte über ein korruptes venezolanisches Netzwerk mit Verbindungen zu Firmenstrukturen rund um das Fürstentum. Auch der Fall der ehemaligen Chávez-Vertrauten Claudia Díaz, der vorgeworfen wird, venezolanische Millionen und Gold in Liechtenstein versteckt zu haben, zeigt die Attraktivität des Landes für politisch exponierte Personen aus Caracas.
Ein gewisses Lightstone Wealth Service Establishment mit Hauptsitz in Triesen soll da seine Finger im Spiel gehabt haben.
Das Muster ist stets ähnlich: verschachtelte Holdings, Treuhänder, Stiftungen, Trusts, wirtschaftlich Berechtigte im Nebel. Genau dafür wurde Liechtenstein jahrzehntelang optimiert. Nicht offiziell natürlich. Offiziell spricht man von «Asset Protection», «Privatsphäre» und «internationaler Vermögensplanung». In der Praxis bedeutet das häufig: maximale Intransparenz mit legalem Anstrich.
Noch heikler ist die iranische Spur. Hier geht es nicht nur um Korruption, sondern um Sanktionen, geopolitische Umgehungsgeschäfte und potenziell terrorismusnahe Geldflüsse. Internationale Behörden warnen seit Jahren vor systemischen Schwächen im iranischen Geldwäschereisystem. FATF und FinCEN stuften Iran wiederholt als Hochrisikostaat ein.
Und wieder taucht Liechtenstein auf. Besonders im Umfeld der ehemaligen Bank Alpinum. Diese stand über Jahre unter Beobachtung wegen grenzüberschreitender und schwer durchschaubarer Kundenstrukturen. Eigentümer war zeitweise der iranischstämmige Geschäftsmann Yousef Sherkati. Später verschwand die Bank vom Markt; die Nachfolgeinstitution verlor schliesslich die Lizenz.
Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Der Besitz einer Bank durch einen iranischstämmigen Unternehmer ist kein Delikt. Aber genau darin liegt das Problem des Finanzplatzes Liechtenstein: Er operiert ständig an der Grenze zwischen formeller Legalität und maximalem Reputationsrisiko.
Die Behörden reagieren meist erst unter massivem internationalem Druck. Das zeigte sich bereits bei den russischen «Zombie-Trusts», als amerikanische Sanktionen plötzlich hunderte liechtensteinische Konstrukte lähmten. Dasselbe Muster zeigt sich bei iranischen und venezolanischen Geldern: Solange das Geld fliesst, herrscht bemerkenswerte Gelassenheit. Erst wenn OFAC, FINMA, europäische Ermittler oder US-Staatsanwälte genauer hinschauen, beginnt hektische Betriebsamkeit.
Liechtenstein verteidigt sich gerne mit dem Hinweis auf verschärfte Geldwäschereigesetze, Sorgfaltspflichten und internationale Kooperation. Das stimmt formal durchaus. Das Land ist heute weit regulierter als vor zwanzig Jahren. Aber Regulierung allein beseitigt kein Geschäftsmodell.
Denn das eigentliche Produkt des Finanzplatzes bleibt weiterhin Diskretion. Und Diskretion zieht nun einmal nicht nur ehrbare Familienvermögen an, sondern auch Oligarchen, Politclans, Sanktionierte und dubiose Rohstoffmilliarden.
Vaduz ist vielleicht nicht der Ursprung dieser Gelder. Aber immer wieder ein erstaunlich bequemer Zwischenparkplatz.

