Und dabei ist Liechtenstein stockkatholisch …
Krach im Fürstenhaus, mittelalterliches Abtreibungsrecht, 31’000 ausgespähte Rechtsträger, Zombie-Trusts und kriminelle Treuhänder. Im Ländle funktioniert eigentlich nur noch eines: die organisierte Verantwortungslosigkeit.
Liechtenstein ist ein bemerkenswertes Staatswesen. Auf gerade einmal 160 Quadratkilometern produziert es eine Skandaldichte, für die andere Länder mindestens zehnmal so viel Fläche benötigen.
Ganz oben kracht es im Fürstenhaus. Erbprinz Alois modernisierte im August das Hausgesetz. Künftig dürfen auch Frauen den Thron besteigen. Allerdings gilt die neue Erbfolge nur für künftig geborene Nachkommen seiner Kinder. Zwei Prinzen protestierten gegen die Reform, sogar eine Klage steht im Raum. Ein hübsches Schauspiel: Ausgerechnet die Familie, die über einem demokratischen Rechtsstaat thront, streitet über ihre eigenen Mitwirkungsrechte. Und über das Privileg, wer dereinst über die Untertanen herrschen darf.
Die haben ganz andere Probleme. Zum Beispiel das Abtreibungsverbot. Während in zivilisierten Ländern die Selbstbestimmung der Frau als Grundrecht gilt, hält Liechtenstein an seiner strafrechtlichen Bevormundung fest. Schon 2011 drohte Erbprinz Alois mit seinem Veto gegen eine Liberalisierung. Im Ländle entscheidet im Zweifelsfall nicht die Frau über ihren Körper, sondern der fürstliche Wille über das Gesetz.
immerhin ist das Recht auf die erste Nacht abgeschafft.
Derweil hat der Finanzplatz ein Betriebsunfällchen erlitten. Daten von rund 31’000 Rechtsträgern wurden aus dem Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen gestohlen. Einschliesslich hochsensibler Angaben über die Menschen hinter Stiftungen, Trusts und Gesellschaften.
Für einen Finanzplatz, dessen Geschäftsmodell wesentlich auf Diskretion beruht, ein Super-GAU. Wer hat die IT entwickelt? Wer die Sicherheit überprüft? Wie konnte eine solche Massenabfrage gelingen? Wer trägt die Verantwortung?
Antworten sind Mangelware. Stattdessen amtliches Schweigen, unterbrochen von Beschwichtigungen. Die Regierung scheint zu hoffen, dass Gras über die Sache wächst. Am besten ein ganzer Urwald.
Dann wären da noch Hunderte Zombie-Strukturen, nach Schätzungen bis zu 800. Stiftungen, Trusts und Anstalten, die nach den Russland-Sanktionen ohne handlungsfähige Organe dastehen. Die Treuhänder, die zuvor jahrelang prächtig an diesen Konstruktionen verdienten, entdeckten plötzlich ihre Fluchtinstinkte. Die Finanzmarktaufsicht FMA hat ein Problem, die Regierung sucht Lösungen. Die Vermögen bleiben, die Verwalter verschwinden.
Womit wir bei der eigentlichen Spezialität des Finanzplatzes wären: Treuhänder, die fremdes Vermögen als Einladung zur Selbstbedienung missverstehen.
Drei Beispiele gefällig?
Harry Gstöhl, einst sogar Präsident des Staatsgerichtshofs, wurde wegen schwerer Untreue, Betrugs, Veruntreuung und Geldwäscherei zu insgesamt acht Jahren Haft verurteilt. Rund 42 Millionen Franken Deliktsumme.
Mario Staggl, liechtensteinischer Treuhänder, wurde in den USA im Zusammenhang mit dem Olenicoff-Komplex wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung verurteilt. Auch er steht für die dunkle Seite der Vermögensverwaltung.
Der Fall der Bacardí-Stiftung Bastille illustriert eine andere Variante: jahrelange Auseinandersetzungen um Stifterwillen, Begünstigtenrechte und die Kontrolle über das Stiftungsvermögen. Ein Lehrstück darüber, wie schwierig es werden kann, Treuhandorgane wirksam zu kontrollieren.
Hier geht es um eine runde Milliarde, die in dieser Stiftung steckt. Während die vom Stifter vorgesehenen Begünstigten ratsgekübelt wurden, kassieren die verwaltenden Untreuhänder unkontrolliert Millionen. Und zahlen ihre Verteidigung gegen die berechtigten Ansprüche aus dem Stiftungsvermögen. Ein reiner Hohn auf einen Rechtsstaat.
Natürlich sind nicht alle Treuhänder schwarze Schafe. Aber Liechtenstein hat eine erstaunlich leistungsfähige Schafzucht. Und ein System, in dem selbst Begünstigte jahrelang prozessieren müssen, um ihre Rechte durchzusetzen.
Das Gesamtbild: Ein Fürstenhaus im Clinch, ein antiquiertes Strafrecht, ein löchriger Datenschutz, herrenlose Vermögensstrukturen und ein Finanzplatz mit bemerkenswerten Schwierigkeiten bei der Selbstreinigung.
Liechtenstein nennt das Stabilität.
Man könnte es auch einen Saustall mit Schlossbeleuchtung nennen.










